KIRCHE - IM REIHERSTIEG  
  Evangelische Kirche in Hamburg-Wilhelmsburg  
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Unsere Kirchengemeinde auf der Elbinsel

Wilhelmsburg ist ein Ort, wo Menschen ihre Träume seit jeher leben: Vor tausenden von Jahren besiedelt, als Menschen lernten, Sumpfland durch Eindeichung urbar zu machen. Fischerkaten und Bauernhöfe entstanden damals. Die Nähe zur wachsenden Stadt Hamburg bürgte für guten Handel. Wilhelmsburg kam vor 333 Jahren zu seinem Namen, weil Georg-Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, der Ahnherr vieler Royals des heutigen Europa ein Erbgut für seine Tochter Sophie-Dorothea suchte und kurzerhand die eingedeichte fruchtbare Elbinsel von den Groten abkaufte. Große Politik bei kleinen Leuten; der Herzog wurde allerdings auf der Insel nie gesehen. Napoleon legte später für schnellere Eroberungszüge die heutige Georg-Wilhelm-Str. an. Und die Bevölkerung? Zu Zeiten der Schifffahrt und des Frei-Hafens zogen ab 1890 immer mehr Menschen herbei, die Arbeit suchten. Nicht mehr nur Bauernslüd, sondern Zugereiste prägten die Straßen. Der Hafen wuchs und lockte Industrie, diese wiederum schuf neue Arbeitsplätze. Ja, Wilhelmsburg steht für den Ort, an dem seit jeher die kleinen Leute ihr Auskommen suchten und fanden über alle Grenzen hinweg: Als Handwerker, Facharbeiter, Hilfsarbeiter, Fabrikanten, Bauern und Angestellte. Wilhelmsburg ist auch ein Ort, wo viele Zuflucht suchten vor Hunger und Armut, die meisten blieben, manche bestiegen ein Schiff und wanderten aus in die „Neue Welt“.

 

Die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg brachte dann erneut Menschen hierher, die Vertriebenen und Flüchtlinge, die notgedrungen und nicht überall willkommen eine neue Heimat suchten. Später kamen die Menschen an, die sich lange unsicher waren, ob sie bleiben wollen und bleiben dürfen, ob sie Gäste sind oder Durchreisende, Einwanderer oder gar MitBürger - die Migranten aus Südeuropa, dem Balkan, dem Orient und Afrika. Fast alle fühlen sich inzwischen als Wilhelmsburger und haben Kinder und Enkel...

 

So ist Wilhelmsburg seit langem von Gegensätzen geprägt, ist ein Ort von ganz unterschiedlichen Welten: Pferdeweiden, Gemüseanbau und Naturschutzgebiet neben Industrie, Containerterminals, Hochhäusern und Schnellstraßen. - Alteingesessene Wilhelmsburger mit langer Familientradition neben vielen Zugezogenen und Kurzbewohnern. - Die plattdeutsche Kultur neben Internationalität. Liberale Freidenker, die Tür an Tür mit anatolischen Strenggläubigen wohnen. Langzeitarbeitslose, die auf den Landwirt in 10. Generation treffen.

 

Wilhelmsburg ist spannend, denn Gegensätze schaffen Spannungen. Spannungen, die selten so spektakulär sind, wie es das allgemeine Vorurteil über diesen Stadtteil sehen möchte. Aber so ist es nun einmal, verschiedene Leute träumen nicht immer den selben Traum, sondern ihren persönlichen. Und sie erzählen ihn auch nicht immer weiter, weil sie nicht die gleiche Sprache sprechen oder Angst haben, ausgelacht zu werden. Und es gibt in den unterschiedlichen Kulturen und Traditionen durchaus auch unterschiedliche Träume. So manche Menschen scheinen in Wilhelmsburg zudem auch aufgehört haben zu träumen, denn ein besseres Leben ist eh nicht in Sicht, woher soll es herkommen? Von Sozialhilfe oder Hartz IV oder gar dem schmalen 1-Euro-Job?

 

Und doch: Es ist zu spüren bei aller Bewegtheit und allen Neuanfängen nach Industrialisierung, Kriegsbomben und Flutkatastrophe, bei Menschen aus allen Weltteilen, dass es durchaus bei vielen die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Traum gibt; der heißt vielleicht nicht so vollmundig „Integration“, aber „gutes Zusammenleben“. Benachteiligungen werden wahrgenommen, Probleme zur Sprache gebracht, Konflikte diskutiert und eine Abschottung von einzelnen Bevölkerungsgruppen wird schnell mit Unbehagen registriert: So was passt hier nicht her, das wollen wir nicht hinnehmen! Wir wollen in Frieden und Offenheit hier leben.

 

Die Kirche ist seit 1000 Jahren in Wilhelmsburg, der erste Kirchbau der Kreuzkirche  Kirchdorf seit 1376. Seit 112 Jahren gibt es die Kirchengemeinde Reiherstieg, in dem Westteil, der in besonderem Maße von den oben genannten Gegensätzen geprägt ist. Seit der Gemeindegründung galt es, Menschen mit unterschiedlichen Traditionen, Gesinnungen und Frömmigkeitstypen zu betreuen und anzusprechen. Selten in den 112 Jahren war es so, dass sich die Gemeinde auf einem Ruhekissen gesicherten Gemeindelebens ausruhen konnte. Der Wandel war und ist spürbar in der Kirche vor Ort. Die Aufgaben wuchsen im Laufe der Zeit. Zunächst sollten die kirchenfernen Arbeiter durch christliche Erziehung diszipliniert und missioniert werden. Doch Widerstand formierte sich: „Das Geld für eine Kirche sollte man doch lieber für dringend benötigte soziale Zwecke ausgeben!“ hieß es 1892 in der Arbeiterschaft. „Wir gehen doch nicht mit den Arbeitern und Tagelöhnern in dieselbe Kirche!“ hieß von Seiten der alteingesessenen oder besser situierten Anwohner.

 

Ja, der Traum von friedlicher Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel. Abschottung, Misstrauen und Eigennutz stehen dem oft entgegen. Und doch lässt sich etwas verändern und dazu hat in Wilhelmsburg die Kirche immer beigetragen. Es gab Pastoren und Gemeindemitglieder, die sich der sozialen Frage aktiv stellten, oft im Kampf mit der Kirchenobrigkeit. Es entstanden vorbildliche diakonische und seelsorgerliche Einrichtungen, die z.T. seit 100 Jahren Bestand haben: Die evangelische Warteschule, heute Kindertagesheim, ein Heim für Stadtranderholung, Gemeindeschwestern und Diakoniestation, Arbeitsloseninitiative, Kleiderkammer, Armenspeisung, Lebens- und Sozialberatung, Selbsthilfegruppen und traditionelle Neigungskreise.

 

Doch in den letzten Jahrzehnten wurde auch deutlich, die Aufgabe der Gemeinde in einem so vielschichtigen Stadtteil liegt nicht nur bei der diakonischen Versorgung, der Verkündigung und Pädagogik, sondern auch darin, Verständigung zu ermöglichen, Moderatorin zu sein, Spannungen abzubauen und Menschen an ihren gemeinsamen Traum von einem guten Zusammenleben zu erinnern. Beim zweimonatlichen ökumenischen Runden Tisch mit allen Moscheevereinen, in der Einladung zu multikulturellen Veranstaltungen, im Seelsorgeeinsatz bei Krisenfällen und in der Mitarbeit in der Stadtteilentwicklung. Wichtig ist, dass dies nicht nur eine Aufgabe der AmtsträgerInnen ist, sondern Verantwortung der Gemeinde.

 

Natürlich kommen auch bei uns immer wieder ernsthafte Anfragen: Sollten wir uns nicht auf das Eigentliche konzentrieren? Unser gemeindliches Gruppen- Binnenleben stärken, unseren Leuten Heimat geben, ehe wir uns als Kirche für den Stadtteil verstehen?

 

Die Gemeinde hat vor vielen Jahrzehnten der alten Reiherstiegkirche den Namen „Emmauskirche“ gegeben. Dieses Kirchgebäude erhielt den Namen eines Dorfes, zwei Stunden von Jerusalem entfernt. Der Ort, zu dem zwei Menschen unterwegs waren, die nach der Kreuzigung Jesu aus Jerusalem geflohen waren. Der Ort, wo ihnen bei der Begegnung mit dem Auferstandenen die Augen geöffnet wurden und sie erkannten, dass ihr „Herz brannte“. Wilhelmsburg vor den Toren der Großstadt gelegen, als Emmaus? Ich finde nach wie vor, dass diese Ostergeschichte sehr gut zur Reiherstieggemeinde passt: Menschen auf dem Weg, gerade Müde, Enttäuschte und eigentlich Engagierte an ihre Vision zu erinnern. Menschen überhaupt Jesus Christus begegnen zu lassen auf ihrem Weg. Sie an einen Tisch zu rufen, sie zu stärken und ihnen die Frohe Botschaft anzuvertrauen. Wir alle können als unstete und flüchtige Erben Kains in der Kirchengemeinde einen Ort finden, der uns erinnert an die Bestimmung unseres Lebens und uns ermutigt zu neuen Lebensentwürfen.

 

Ich glaube, das ist ein Programm, das nicht nur der Reiherstieg-Gemeinde anvertraut ist, sondern inzwischen jeder Großstadtgemeinde.

 

Zu unserm ureigenen evangelisch-protestantischen Profil gehört es, dass wir als Gemeinden nicht (nur) Traditionen  bewahren, sondern, versuchen in die Gesellschaft hineinzuwirken, Menschen an ihre Verantwortung vor Gott und den Nächsten erinnern und die Vision, die Jesus in Wort und Tat gelebt hat ausstrahlen. Wir sollen Brücken bauen, die Menschen auf Gott und aufeinander zusammenbringen. Wie heißt es: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern (Lk. 12,48). Ja, Gott hat uns seinen Sohn geschenkt und den Heiligen Geist verheißen. Er traut uns zu, dass wir als gute HaushalterInnen diese Vision leben.